Wer Jude ist, bestimme ich

(FAZ 2021/09/02)

Die Debatte um den Täuschungsversuch des Publizisten Max Czollek berührt eine offene Frage der jüdischen Tradition.

Von Mirna Funk

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich den Schriftsteller Maxim Biller zum ersten Mal traf. Es war ein besonders schöner Berliner Sommertag im Jahr 2007. Wir hatten uns kurz zuvor über MySpace kennengelernt, das Soziale Netzwerk, das den Beginn der Nullerjahre geprägt hatte, und uns zum Mittagessen im 103 am Zionskirchplatz verabredet. Wir saßen am Fenster auf einer Bank. Wie bei allen Gesprächen unter Juden stiegen wir nach maximal zwei Minuten irrelevantem Small Talk tief in unsere Familienbiografien. Biller interessierte sich sehr für meine. Das lag vor allem an der ungewöhnlichen Konstellation, in der DDR geboren und aufgewachsen zu sein. Denn DDR-Juden gab es nur eine Handvoll. Man munkelt, beim Fall der Mauer sollen es weniger als 5000 gewesen sein. Ich erzählte von meinem Vater, der Jude ist, und von meiner Mutter, die keine Jüdin ist, und sofort sagte Biller: "Dann bist du nach der Halacha auch keine Jüdin!"

Das Wort Halacha hörte ich zu diesem Zeitpunkt zum allerersten Mal in meinem Leben. Ich war 26 Jahre alt, wusste nicht, wie man die Schabbat Kerzen anzündet oder eine Bracha, einen jüdischen Segen, spricht. Ich konnte Vodka Red Bull auf Hebräisch bestellen, "Ani rotzah Vodka Red Bull bevakasha", aber das war's dann auch schon. Dass ich mich selbst als Jüdin definierte, lag vor allem an meiner Kindheit und Jugend. Solange ich denken kann, trug mein Vater einen Davidstern um den Hals. Nur anderthalb Jahre nach dem Mauerfall, da war ich zehn Jahre alt, war er mit mir in den erstbesten EL AL-Flieger gestiegen und nach Israel gereist, um mir meine Wurzeln zu zeigen und mich unserer Familie vorzustellen, von denen Teile seit dem Zweiten Weltkrieg in Tel Aviv lebten. Ich wurde in Israel sozialisiert. Meine jüdische Identität gab mir meine Familie. Aber nie hatte mir jemand von ihnen erklärt, ich könne wegen der Halacha, des jüdischen Gesetzbuchs, keine Jüdin sein.

Billers Satz hallte unangenehm in mir nach. Dann ergänzte er, dass es ihm natürlich egal sei. Dass er verstünde, dass ich durch meinen Vater selbstverständlich zutiefst jüdisch geprägt sei, ja, dass mich all meine Erfahrungen zu einer Jüdin gemacht hatten, Halacha hin oder her. Nach dem Mittagessen gingen wir noch spazieren, und anschließend übergab er mir seinen gerade erschienenen Kurzgeschichtenband "Liebe heute". Darin eine Widmung: "Für Mirna, auf die ich so neugierig bin, obwohl wir uns doch schon mindestens 2000 Jahre lang kennen."

Vaterjuden und ihre Legenden Vor drei Wochen erläuterte Maxim Biller erneut und sehr ausführlich, was die Halacha eigentlich ist. Diesmal geschah es in einer an den Essayisten Max Czollek gerichteten Kolumne in der Wochenzeitung Die Zeit. Dass dieser Text erscheinen würde, ahnte ich seit mindestens einem Jahr. Ich selbst wurde vor Monaten von einem Redakteur einer großen deutschen Zeitung gefragt, ob ich nicht den Max-Czollek-Enthüllung Essay schreiben wolle. Ich lehnte ab, obwohl ich allen Grund dazu gehabt hätte, denn auch mich hatte Czollek belogen. Aber, wer bin ich, hier auf Halacha zu machen, sagte ich dem Redakteur, das sollen andere tun.

Begegnet waren Max Czollek und ich uns kurz nach Erscheinen meines Debütromans "Winternähe", in dem es um das Dilemma, den Schmerz und die unfaire Behandlung von Vaterjuden geht. Nur anderthalb Jahre später, im November 2016, saßen Czollek und ich gemeinsam auf einem Panel. In der Pause standen wir draußen und unterhielten uns: "Du bist doch auch aus dem Osten, wie ist deine Juden-Konstellation? Ist deine Mutter Jüdin, dein Vater oder etwa beide?", fragte ich, und Czollek antwortete: "Beide!" Völlig überrascht sagte ich: "Wahnsinn, in der DDR finden sich zwei Juden und verlieben sich auch noch? Das war doch, wie eine Nadel im Heuhaufen zu finden." Er lächelte wissend und nickte "Verrückt, oder?" Ja, verrückt.

Zu verrückt, um wahr zu sein. Zwei Jahre dauerte es, bis mir ein Freund, der mit Czollek aufs Jüdische Gymnasium gegangen war, erörterte, dass diese Geschichte, die er nicht nur mir, sondern einigen anderen auch aufgetischt hatte, nicht stimmte. Ja, dass er nicht einmal, wie er unlängst bei der WDR-Sendung "Freitag Nacht Jews" behauptete, Vaterjude sei. Denn Vaterjuden sind Kinder von halachisch-jüdischen Vätern. Aber der letzte halachische Jude in Max Czolleks Familie war sein Großvater.

Das mit der Halacha ist alles nicht so einfach. Primär handelt es sich um das jüdische Gesetzbuch. Die Halacha definiert das Judentum, und in ihr steht - neben unglaublich vielem anderen -, dass Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Dort steht aber auch, dass sich Juden koscher ernähren müssen, sich nicht tätowieren oder Salz von einer menstruierenden Frau entgegennehmen dürfen. Dinge also, die unserem progressiven und modernen Leben nicht mehr entsprechen und obsolet geworden sind.

Dass die jüdische Identität über die Mutter übertragen wird, war nicht immer so. Im Judentum schreiben wir aktuell das Jahr 5781. 3700 Jahre davon definierte das Jüdischsein allerdings der Vater. Erst 70 n. Chr. mit der Zerstörung des Zweiten Tempels und der Einführung des Rabbinischen Judentums wird das Gesetz geändert. Jüdische Frauen wurden zu dieser Zeit versklavt und vergewaltigt. Die Kinder, die dabei entstanden, konnten demnach nicht mehr eindeutig Vätern zugeordnet werden. Wer also Jude ist oder nicht, war nicht mehr zu eruieren, außer, ja, außer, die Weitergabe würde der Mutter übertragen. Das jüdische Volk war gezwungen, ein fast 4000 Jahre altes Gesetz aufgrund der äußeren Bedrohung zu ändern.

"Wer Jude ist, bestimme ich!", ein Spruch, der Göring zugeschrieben wird, definiert seit Jahrtausenden jüdisches Leben. Er bestimmt gerade die Debatte. Er bestimmt sogar die Einwanderung nach Israel. Denn Israeli werden darf nach dem sogenannten "Law of return", dem Rückkehrgesetz, jeder, der einen jüdischen Großvater hat. Warum? Weil sich das Rückkehrrecht an den Nürnberger Gesetzen orientiert. Jeder Mensch jüdischer Abstammung, der im Nationalsozialismus verfolgt worden wäre, darf Zuflucht in Israel finden. Und diese Tatsache führt auch im Gelobten Land seit Jahren zu großen Problemen. Denn auch dort leben rund 500.000 Vaterjuden, also Juden, die einen halachisch-jüdischen Vater, aber keine halachisch-jüdische Mutter haben. Dieselbe Debatte, die hier gerade vor allem mit sehr viel Unwissenheit und Hysterie geführt wird, entbrannte interessanterweise zum selben Zeitpunkt auch in Israel.

Verschwundenes Reformjudentum

Der Olympia Athlet Artem Dolgopyat, der in Tokio für Israel Gold holte, wurde von seinem ganzen Land bejubelt, ohne aber in diesem Land heiraten zu dürfen. Denn auch Artem Dolgopyat ist Vaterjude und wird vom Rabbanut, dem Oberrabbinat, das Eheschließungen betreut, nicht anerkannt. Eine Zivilehe gibt es nicht. Dolgopyats Mutter sorgte in den israelischen Medien für einen Riesenbuhei. Berechtigterweise.

Sieben Millionen Juden leben in Israel. Wenn eine halbe Million davon nicht halachisch-jüdisch ist und die Hälfte davon Frauen und eine israelische Frau durchschnittlich drei Kinder bekommt, dann wird uns das Ergebnis sehr schnell lehren, dass die Frage, wer jüdisch ist und wer nicht, langfristig die Demographie klären wird, nicht die Halacha. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Hier leben rund 200.000 Juden. 70 Prozent von ihnen stecken in einer interkulturellen Beziehung. Nur etwa 100 000 sind Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Aus verschiedenen Gründen, aber vor allem, weil es der Jüdischen Gemeinde in Deutschland an Inklusion, Progressivität und Weltoffenheit fehlt. Auch diese Tatsache ist dem Außen geschuldet. Nämlich der Shoah, die dafür sorgte, dass das in Deutschland entstandene moderne Reformjudentum nach Amerika auswanderte oder in deutschen und osteuropäischen Öfen verbrannte. Die "deutschen Juden", die die Jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg aufbauten, waren zu einem großen Teil Überlebende aus den Lagern, die ursprünglich aus Polen, Litauen oder Ungarn kamen und orthodox, nicht progressiv, geprägt waren. In den USA, in denen über fünf Millionen Juden leben, ist das Progressive Judentum, das Vaterjuden schon seit 1983 inkludiert, Standard. In Deutschland leider nicht.

Eine Frage der Zeit

Wer Jude ist, ist nicht nur eine der ältesten Fragen des Judentums, sondern definiert es gleichermaßen. Die Diskussion darum ist wichtig und notwendig. Sie darf aber nicht vor einem neurotischen deutschen Publikum geführt werden, so wie es aktuell der Fall ist. Einem Publikum, das sich nicht zu schade ist, auf Twitter lang und breit zu diskutieren, wer denn nun Jude ist oder nicht, ohne jemals von der Halacha, dem Rabbinischen Judentum oder der Zerstörung des Zweiten Tempels gehört zu haben.

Diese destruktive Diskussion hat Max Czollek zu verantworten, der zwar jetzt heroisch behauptet, er wolle die innerjüdische Diskriminierung besprechen, dem eben- dieser Umstand aber in den letzten Jahren komplett egal war. Denn während Vaterjuden wie Ruth Seifert, Lea Wohl zu Haselberg, Dimitrij Kapitelman, Kat Kaufman, Leon Kahane oder ich immer wieder die Öffentlichkeit nutzten, um dieses Thema vorsichtig zu besprechen, saß Czollek zu Hause, mit einem Tannenzäpfle Bier in der Hand, einem Glitzer-Basecap auf dem Kopf und einem Palästinensertuch um den Hals, um sich zu überlegen, wie er die deutsche Morallinke einlullen könne. Dabei hätte er sich doch jederzeit für Großvaterjuden einsetzen können, um die Diskriminierung zu bekämpfen, die er nun glaubt entdeckt zu haben. Von denen gibt es auch genug. Mit noch schlimmeren Komplexen, als sie Vaterjuden in sich tragen.

Er hätte sein erstes Buch dafür nutzen können oder seinen ersten großen Essay oder irgendeinen Fernsehshow Besuch. Die Entscheidung, es eben nicht zu tun, war eine bewusste, die seiner Unsicherheit, seiner Angst, aber vor allem seinem Ego geschuldet war. Statt gegen Josef Schuster vom Zentralrat zu hetzen, der einen sehr nüchternen Text in der Jüdischen Allgemeinen abgeliefert hat, in dem er lediglich die Tatsachen aufzählte, nämlich, dass es die Halacha gibt, dass man sich aber selbstverständlich auch ohne jüdische Mutter als jüdisch definieren kann, dabei aber eben ehrlich sein müsse.

Statt sich jetzt woky-mäßig in einen identitären Kulturkampf zu stürzen, wünsche ich Czollek, seinem selbstgewählten Schicksal ins Auge zu sehen. Keiner hätte ihm seine jüdische Identität, die an seinen Großvater anknüpft, jemals in der Form abgesprochen, wie es jetzt geschieht, wenn er sein Dilemma von Anfang an offen thematisiert hätte. Keine Kolumne von Biller, kein Text von Schuster und insbesondere keine deutsche Twitter-Halacha wären erschienen.

Die aktuelle Debatte ist eine innerjüdische. Sie muss innerjüdisch geführt werden. Besser heute als morgen. Aber ohne deutsches Publikum, das mit Irritation auf unsere Konflikte starrt. Wir, die plurale jüdische Community in Deutschland - halachische Juden, Vaterjuden, Großvaterjuden, Ashkenazim, Mizrachim, Sephardim -, werden eine Lösung finden. Das haben wir 5781 Jahr lang für jedes Problem. Shana tova!

Die Autorin ist Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt erschien der Roman "Zwischen du und ich"


Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 203 vom 02.09.2021, S.9



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